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24.02.2022

hpo Konjunkturkommentar 1. Quartal 2022

Nach der Aufholjagd ist die Nachfrage in den meisten Segmenten auf hohem Niveau abgeflacht

Viele Staaten verkünden in diesen Tagen Lockerungsschritte der harten Coronamassnahmen. Insbesondere die gebeutelten Dienstleister wie die Gastronomie und Hotellerie wird von diesen wichtigen Öffnungsschritten profitieren.

Die Wirtschaft allerdings hat derzeit mit vielen anderen Komplexitäten zu kämpfen. Vor allem die hohe Inflation, die geopolitischen Konflikte in der Ukraine und Taiwan, die noch nicht ausgestandene Immobilien- und Schuldenkrise in China und die immer noch spürbaren Störungen in den Lieferketten drücken auf die Stimmung.

Wie wirkt sich dies auf die Industrie aus und was sind die Einschätzungen von hpo forecasting? Das hpo forecasting Team hat die neusten Konjunkturdaten ausgewertet und gerne teilen wir mit Ihnen unsere wichtigsten Erkenntnisse im vorliegenden Konjunkturkommentar für die Industrie.


1. Der Auftragseingang im deutschen Maschinenbau ist auf sehr hohem Niveau abgeflacht

Einen um 32 % gestiegenen Auftragseingang seiner Mitgliederfirmen meldete der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) für das Jahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr und der Auftragsvorrat ist im Durchschnitt auf 10,9 Monate gestiegen. Das sind beeindruckende Zahlen und die Erholung war nach dem tiefen Fall von 2020 hochwillkommen. Damit konnten die Maschinenbauer in Deutschland und der DACH-Region insgesamt die Baisse der Anfangsphase der Pandemie im Durchschnitt weit mehr als kompensieren.

Abb. 1: Auftragseingang Maschinenbau Deutschland

Abb. 1: Auftragseingang Maschinenbau Deutschland

Quelle: Rohdaten Destatis; Darstellung hpo forecasting


Es gibt aber beträchtliche Unterschiede zwischen den Industriezweigen. Während die Nachfrage nach Bau- und Textilmaschinen weit über das Vorkrisenniveau geschossen ist, liegt der 12-Monats-Schnitt des Auftragseingangs in der Werkzeugmaschinenindustrie zum Jahresende immer noch rund einen Viertel unter dem bisherigen Höchststand von 2018. Dafür dürfte auch die Verlagerung der für die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie zentralen Autobranche hin zum Elektronantrieb und das global negative Trendwachstum von Automotiv insgesamt eine Rolle spielen. Im Dezember zeigte aber auch das spätzyklische Werkzeugmaschinensegment in Deutschland eine starke Erholung.


Im vierten Quartal 2021 hat sich der Auftragseingang in vielen Segmenten der Investitionsgüterindustrie auf hohem Niveau stabilisiert. Markieren nun die aktuellen Höchststände den Anfang einer längeren Boomphase oder sind schon bald wieder empfindliche Rückgänge zu erwarten?


2. Normalisierung der Konsummuster verzögert sich aufgrund der Omikron-Welle nochmals

Wir haben in den hpo Konjunkturkommentaren schon wiederholt dargelegt, wie die Pandemie die üblichen Konsummuster massiv verändert hat. Die Lockdowns liessen die Ausgaben der Haushalte für Services insbesondere in Europa stark abstürzen. Trotz starker Erholung im zweiten und dritten Quartal 2021 lagen diese Ausgaben in Europa real nach wie vor unter dem Vorkrisenniveau vom Q4 2019.


Für das vierte Quartal sind noch sehr wenig differenzierte Daten publiziert. Die wenigen bereits verfügbaren Daten weisen aber erneut auf einen starken Rückgang bei der Nachfrage der privaten Haushalte nach Services hin, während sich die Erholung in den USA fortsetzte.

Dank der gestiegenen Sparquote in der Pandemie haben die Konsumenten aber vergleichsweise hohe Ersparnisse angesammelt und diese werden vorwiegend für Verbrauchsgüter und insbesondere für langlebige Konsumgüter ausgegeben. Die für das Q4 2021 bereits verfügbaren Daten suggerieren, dass die Ausgaben für Konsumgüter in Europa wieder stark gestiegen sind und sich in den USA auf hohem Niveau seitlich bewegten. Bis Ende Q3 sah es aus, als ob sich das Konsummuster in Europa wieder rasch normalisieren würde, im Q4 ging die Ausgabenschere nach Konsumklassen aufgrund der neuen Corona-Massnahmen aber wahrscheinlich wieder weit auseinander (siehe Abb. 2).

Abb. 2: Konsummuster Europa in der Pandemie

Abb. 2: Konsummuster Europa in der Pandemie

Quelle: Rohdaten Eurostat, gepunktete Linien Schätzung hpo forecasting

In den USA bleibt die Schere zwischen den Ausgabenkategorien gross (Siehe Abb. 3).
Abb. 3: Konsummuster USA in der Pandemie

Abb. 3: Konsummuster USA in der Pandemie

Quelle: Rohdaten Bureau of Economic Analysis (BEA); Darstellung hpo forecasting


Hohe Ausgaben für Verbrauchsgüter und dauerhafte Konsumgüter sind für die Industrie gute Neuigkeiten, denn diese Produkte müssen ja auch produziert werden. Dies kann mit ein Grund dafür sein, dass die Nachfrage nach deutschen Maschinen wie bereits im Q3 auch im Q4 sehr hoch blieb.

3. Die Industrieproduktion hat ein sehr hohes Niveau erreicht

Bereits im November 2020 erreichte Europas Industrieproduktion gemäss OECD das Vorkrisenniveau und der letzte verfügbare Datenpunkt (November 2021) stieg auf einen neuen absoluten Rekordwert. Insgesamt bewegte sich die Industrieproduktion in Europa im 2021 seitwärts.


In China erholte sich die Industrieproduktion bereits bis Anfang 2021 sehr stark und folgte danach wieder dem langfristigen Wachstumspfad im hohen einstelligen Prozentbereich.


Anders präsentiert sich die Situation in den USA. Hier dauerte die Erholung der Industrieproduktion trotz boomendem Konsum länger und das Niveau liegt immer noch ca. 2 % unter dem Höchstwert von 2018.


4. Kritischer Moment bei den Stimmungsindikatoren

Bei den Stimmungsindikatoren fällt auf, dass in den USA sowohl der Consumer Confidence Index (CCI) wie auch der Business Confidence Index (BCI) aufgrund der galoppierenden Inflation im letzten Halbjahr wieder stark gesunken sind. Während sich der BCI noch knapp im expansiven Bereich bewegt, ist die Konsumentenstimmung auf den tiefsten Stand seit 2011 gefallen und liegt im kontraktiven Bereich.


In Europa vermochten seit Mitte 2021 weder die steigenden Inflationsraten, die Omikron-Welle noch die Ukrainekrise das euphorische Geschäftsvertrauen (BCI) zu trüben. Die Konsumentenstimmung andererseits sank gegen Ende Jahr in den kontraktiven Bereich.


5. Ausblick für die Industrie

Gemäss der hpo Modellberechnungen muss im neuen Jahr auf breiter Front mit einer nachlassenden Nachfrage nach Investitionsgütern gerechnet werden.


Sektoren, die im aktuellen Umfeld trotzdem profitieren dürften, sind die Halbleiterindustrie und der Bereich Elektromobilität. Die Halbleiterhersteller übertrumpfen sich mit gigantischen Investitionsankündigungen, die aus geopolitischen Gründen auch stark subventioniert werden und in einigen Jahren zu Überkapazitäten führen könnten. Auch im Bereich der Elektromobilität sind noch grosse Investitionen zu erwarten, wenn die ambitionierten Verlagerungsziele erreicht werden sollen.


Mit dem Abflauen der Omikron-Welle dürfte sich das Konsummuster nun endgültig langsam wieder normalisieren. Die Industrie wird es spüren, wenn die Konsumenten wieder mehr Geld für Ferien und Freizeit und weniger für Konsumgüter ausgeben. Stützend wirkt dagegen, dass die Arbeitslosenquoten während der Pandemie relativ tief blieben oder sich rasch wieder erholten.


Allerdings zwingt die hohe Inflation die Notenbanken zu einer restriktiveren Finanzpolitik. Dies wird sich dämpfend auf die Wirtschaft auswirken. Auch die Fiskalpolitik wird restriktiver, nachdem die Staatsquoten im Zuge der Pandemie sehr stark steigen.


Fiskal- und geldpolitisch sind kurzfristig einzig aus China positive Impulse zu erwarten, aber auch dort ist aufgrund der nach wie vor schwellenden Immobilien- und Schuldenkrise der Spielraum begrenzt.


Die grosse Unbekannte bleibt die geopolitische Entwicklung mit den aktuellen Hotspots Ukraine und Taiwan, mit potenziell fatalen Konsequenzen für Mensch und Wirtschaft.

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